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Das zaubermächtige Goldplättchen

Galsan Tschinag

Das zaubermächtige Goldplättchen

und andere Märchen aus der Gegenwart

Frauenfeld 2006

Gedächtnis der Völker (GdV)

Broschur. 88 Seiten

ISBN-10 3-03740-361-6

ISBN 978-3-03740-361-7

Preis CHF 24.00

Preis EUR 22.00

 

Galsan Tschinag, der große Dichter, Förderer und Schamane seines Volkes, lässt in drei Märchenerzählungen das Leben der heutigen Bewohner der mongolischen Steppe greifbar werden, in ihrer improvisationsfrohen Verschmelzung von Tradition und Moderne, mit ihrem Witz, ihrem tiefen Anstand und ihrer Weisheit.

Die Gäste des Kleinen Reichs sind freche Städter, die für ihren Missbrauch des Gastrechtes der Jurte eine ländlich derbe Lektion erhalten. Mithilfe des zaubermächtigen Goldplättchens vermag ein Nomade in der Fremde, «inmitten der spitzdachigen, glattstirnigen Häuser des Abendlandes», einen argwöhnischen Hundehalter zum Freund zu gewinnen. Das Märchen von den prallen Mägen erzählt von phantastischen Begebenheiten in einer Steppengemeinschaft, die von Heerscharen selbsternannter Entwicklungshelfer und vom Ungeist einer neuen, profitgierigen Zeit heimgesucht wird, und endet – hoffnungsvoll!

Alle drei Märchen entführen in eine Mongolei der Gegenwart, deren alte Zauberkräfte nicht verschwunden, sondern vielfältig gewandelt sind.

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«‹Aus der Wirklichkeit erwächst das wahre Märchen›, meinte H. C. Andersen, und er schrieb Märchen, denen Wirklichkeit und genaue Beobachtung zu Grunde lag. Damit revolutionierte er die Märchendichtung insgesamt, denn vor ihm und zu seiner Zeit waren Märchen phantastische Geschichten, die allenfalls von ihrer Allgemeingültigkeit her Interpretationen auf die Wirklichkeit hin zu lassen.
Die Märchen, die Tschinag hier erzählt, folgen eher dem Andersen'schen Märchentyp als dem der Brüder Grimm, die ohne nach der Wirklichkeit zu fragen alte Märchen gesammelt haben. Tschinag geht von der Wirklichkeit aus und entwickelt seine Märchen gewissermaßen gegenpolar dazu als Fiktion zur Lösung der wirklichen Spannungen und Konflikte. Das macht er genial und er desillusioniert dabei die Wirklichkeit auf versöhnliche Weise. Dabei entstanden Märchen, die voller Humor sind. Letztlich behält das Recht Recht und der Mensch bleibt König seiner selbst.
Es sind moderne Märchen aus einem fernen Land; das bedeutet nicht, dass sie uns nichts zu sagen hätten. Dann hätte sie Tschinag in seiner Muttersprache seinem Volk erzählen können. Aber er erzählt sie auf Deutsch und uns. So ist die Frage notwendig: Was können diese Märchen uns sagen? Tschinag beschreibt in jedem dieser Märchen Ereignisse, bei denen die Tradition als weise Kultur seines Volkes auf die Zivilisation als willkürlicher gesellschaftlicher (auch staatlicher) Dekadenz stößt. Einmal geht es darum, dass überhebliche Städter für ihren Missbrauch des Gastrechts der Jurte eine derbe ländliche Lektion" erhalten (zitiert nach dem Klappentext), in der zweiten Geschichte siedelt sich eine ihrer Tradition verbundene Nomadenfamilie mitten in einer Zivilisation an und vermag nach vielen Konflikten die Menschen der Zivilisation von ihren Gedanken zu überzeugen; in der dritten Geschichte geht es um eine Steppengemeinschaft, über die die moderne Zeit zerstörerisch hereinbricht, die aber in der nächsten Generation diese moderne Zeit wieder überwindet. Die Fiktion ist in jedem Märchen klar, aber - wie Tschinag immer wieder sagt - im Märchen möglich. Das macht eben diese Märchen zu Märchen. Und dieser Märchencharakter gibt den Geschichten bei aller kritischen Beobachtung der Wirklichkeit die ironische Distanz zu dieser Wirklichkeit und den humorvollen versöhnlichen Schluss. Was sich in einem fernen Land ereignet - wie jedes Märchenland uns fern und nah - kann sich auf mannigfaltiger Weise auch in unserer so fortgeschrittenen Welt ereignen und keine noch so fortschrittliche Zivilisation kann die uralten Erfahrungen und Weisheit aufheben, die schließlich jede Gesellschaft wie jeder Mensch für die Gestaltung eines friedlichen Lebens - zwischen den Menschen wie zwischen den Völkern - braucht.
Ein modernes, humorvolles und sehr zum Nachdenken anregendes Märchenbuch.

Hans Peter Weiß

 

 
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